Kunst und Glaube
Quelle: Robert Weinbuch

Kunst und Glaube verbindet sehr viel; beides löst starke Gefühle aus: Freude, Staunen, Begeisterung, aber auch Irritation, Zweifel, Fragen. Kunst und Glaube machen Verborgenes, wie z.B. Gefühle, Werte oder auch Gott sichtbar oder erahnbar. Schon in den Höhlenmalereien der Steinzeit, in allen Kulturen der Antike, im Mittelalter, in der Neuzeit und bis heute versuchten und versuchen Menschen, das Transzendente, ihre Gottesbilder und ihre Art zu glauben künstlerisch zum Ausdruck zu bringen, oder auch kritisch zu hinterfragen.
Eine Ausstellung in der Kartause Ittingen trägt den etwas ungewohnten Namen «An die Kunst glauben», die noch bis 6. September dauert.

Ich besuchte die Ausstellung und auch die gleichzeitig im Museum Kartause Ittingen stattfindende Reliquienausstellung, die auch Exponate aus unserem Pastoralraum enthält, anlässlich einer Tagung der Pastoralkonferenz Thurgau, das ist ein Verein, dem alle Seelsorgerinnen und Seelsorger des Kantons ab einem gewissen Stellenprozent angehören.
In der Ausstellung «An die Kunst glauben» konnte ich mich mit sehr interessanten Ausstellungsstücke auseinandersetzen.
Marlies Pekarek schuf ein faszinierendes Schiff aus Seife, in dem dichtgedrängt Göttinnen durch die Gegend fahren. Von ihr ist auch eine Madonnastatue in der Röntgenaufnahme zu sehen. Judith Villiger hat ein berühmtes Porträt Martin Luthers bearbeitet: Sie hat dem Reformater das Gesicht weggewischt und so Reformationsgeschichte, Bildersturm, kollektive Erinnerung zum Ausdruck gebracht; ich assoziiere damit: Die kritische (reformatorische) Auseinandersetzung mit Gott und dem Glauben wird heute oft weggewischt und hat in manchen kirchlichen Kreisen keinen Platz mehr. In unserer Gesellschaft wird der Glaube insgesamt weggewischt und hat keinen Platz mehr. Video-Installationen sind zu sehen: Marina Abramovic setzt sich mit dem Tod auseinander, Martyna Marciniak zeigt den früheren Papst Benedikt in einem weissen Rappermantel und Gabriela Gerber und Lukas Bardill erwecken Kachelbilder der historischen Ofenmalerei zum Leben – einige erinnern mich an Kachelöfen aus Steckborn.
Besonders beeindruckten mich die Bilder von Hedwig Huser, die zwischen 1980 und 1993 hunderte von Madonnen-Bildern mit Wachsmalstift, Bleistift und Filzstift geschaffen hat, und von denen einige ausgestellt sind. Jede Madonna ist anders, aber auf jedem der ausgestellten Bilder ist die Gottesmutter in der gleichen Körperhaltung und in der gleichen Perspektive dargestellt. Man erkennt sofort, dass es sich um die heilige Maria handelt. Mir ist beim Betrachten der Bilder aufgegangen, dass nicht nur Maria, sondern auch Gott, Jesus, die Heiligen, die Sakramente, die Gebete, die Lieder und so viele andere Elemente unseres Glaubens auf so vielfältige Weise die Menschen berührt. Ich finde es wunderbar, dass die «sperrige Vielfalt» unseres Glaubens, wie es unser Bischof Felix Gmür nennt, auch in der Kunst einen Platz bekommt.
Robert Weinbuch