Lieben heisst: „um jemanden Angst haben“. Eine Schülerin hat das im Religionsunterricht in Eschenz gesagt, und das hat mich sehr berührt. Es hat mich an meine schon lange verstorbene Mutter erinnert: Wenn ich nach Mitternacht erst heimkam und mit dem Auto unterwegs war, hat sie immer gesagt: „Jetzt hast Du mir wieder einen Sargnagel besorgt.“ In meiner Jugendzeit habe ich das gar nicht verstanden, dass sie sich so gesorgt hat, dabei hat sie Angst um mich gehabt.
Lieben heisst, um jemanden Angst haben. Ich denke an Ukrainerinnen, die ich kenne, und die in der Schweiz wohnen, deren Ehemänner im Krieg sind, im Januar jährt sich der Überfall Russlands zum vierten Mal. Oder an die Eltern, deren Kinder mit schweren Brandwunden in einem Spital immer noch behandelt werden müssen, nachdem in der Silvesternacht in Crans-Montana ein Brand ihr Leben aus den gewohnten Bahnen herausgerissen hat.
Lieben heisst, um jemanden Angst haben. Auch Maria wurde die „Liebes-Angst“ nicht erspart. Wie ein Schwert durchdringt der Schmerz und die Angst ihr Herz, als ihr Sohn den Kreuzweg geht. In der Fastenzeit, die am 18. Februar mit dem Aschermittwoch beginnt, sind wir eingeladen, den Weg Jesu mitzugehen.
Eine andere Schülerin hat aufgeschrieben: „Lieben heisst für jemanden sterben.“ – Jemanden so lieben, dass man bereit ist, für ihn in den Tod zu gehen. Am Karfreitag stirbt Jesus für uns am Kreuz.
Liebe hat natürlich noch ganz viele andere Facetten als Angst und Tod: Freude aneinander, tief empfundenes Glück, sich einander schenken, miteinander das Leben teilen und durch dick und dünn gehen, und viele andere mehr. Aber in den Worten der Schülerinnen zeigt sich, wieviel die Liebe wert ist. Oder wie Paulus im Hohenlied der Liebe schreibt: „Die Liebe erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand. …  Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; / doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13,7.13)
Robert Weinbuch